„Die Kunst besteht darin, einen Baum so zu schneiden, dass man es hinterher nicht sieht“, sagt Timo Berk und blickt ins Geäst. Berk ist Gärtnermeister bei der Stadt Büdingen. Gemeinsam mit Ausbilder Siegfried Buchhold steht er mit Sophia Eckel, Christian Steffen und Kimi Peppel im Garten der Familie Kölsch in Büdingen. Die drei sind Auszubildende der Landesgartenschaugesellschaft im Garten- und Landschaftsbau und seit einer Woche in Büdingen, um zu lernen, wie ein sinnvoller Baumschnitt aussieht. Passend zur Jahreszeit greifen viele Besitzer von Streuobstwiesen nun wieder zur Astschere. Das Thema passt bestens.

Der ehemalige Garten der Edith Kölsch ist ein Kleinod angrenzend an die Mauern zur Altstadt. Seit der Eröffnung 2003 kümmert sich eine Gruppe Ehrenamtlicher unermüdlich um die Pflege. Landschaftsarchitektin Anette Schött plant die Bepflanzung. Berk hat die Bilder vom ursprünglichen Garten im Kopf. Damals standen hier deutlich mehr Obstbäume, erzählt er. Als Pomologe hat er sein Wissen über Jahre verfeinert. Gut für die Auszubildenden, die mit Astschere und Leiter ausgerüstet seinen Erklärungen folgen. Fünf zentrale Tipps gibt er ihnen mit auf den Weg. Geübt wird an einer Goldparmäne. Die jungen Leute stellen zwei Leitern an. Schnell sammelt sich unter dem Baum ein Haufen Reisig an.

Eine behandschuhte Hand zeigt eine Blumenzwiebel.

Leicht schräg und sauber sollte der Astschnitt erfolgen.

Grobschnitte vermeiden

Große Schnittwunden sind grundsätzlich problematisch. Die oft zitierte „8‑Zentimeter‑Regel“ ist keine feste Vorschrift, aber ein brauchbarer Richtwert: Ab einer gewissen Größe steigt das Risiko für den Baum deutlich. Ist ein dicker Ast morsch, sollte er möglichst nicht komplett entfernt, sondern über Seitenäste reduziert werden. So bleibt die Schnittstelle kleiner und die Krone stabiler. Wer oben zu stark kappt, provoziert Wassertriebe und instabile Neuaustriebe. Besonders alte Bäume reagieren empfindlich, da große Wunden schlechter abschotten und Fäulnis begünstigen.

Auch Krankheiten wie die Rotpustelkrankheit oder Apfeltriebsucht können über Werkzeuge übertragen werden. Deshalb empfiehlt Berk den Lehrlingen, Säge und Schere beim Wechsel zwischen Bäumen mit einer alkoholhaltigen Lösung zu desinfizieren.

Wassertriebe: nicht alle wegschneiden

Die dünnen keck, in die Höhe schießenden Äste beobachtet man oft. Diese einjährigen Triebe, man nennt sie auch Wassertriebe. Sie komplett zu entfernen, wäre jedoch ein Fehler. Der Baum würde nur umso energischer nachproduzieren. Sinnvoller ist es, gezielt auszudünnen und einzelne Triebe zur Ableitung oder Beschattung stehen zu lassen.

Mit der natürlichen Struktur arbeiten

Ein Grundsatz lautet: mit dem Baum schneiden, nicht gegen ihn. „Köpfen“, also das radikale Kappen von Kronenteilen, ist tabu. Es zwingt den Baum zu Ersatztrieben und schwächt langfristig die Statik. Die großen Leitäste bilden das Gerüst der Krone und stabilisieren sie. „Drei bis vier nach oben strebende Hauptäste formen idealerweise eine Art Trichter“, informiert Kimmi.

Schonender ist der Ableitungsschnitt: Die Krone wird über geeignete Seitenäste reduziert, ohne harte Brüche zu erzeugen. So bleibt das Fruchtholz unten, und die Ernte ist in drei bis fünf Metern Höhe möglich. Gut für denjenigen, der nicht in der Krone nach Äpfeln hangelt.

Wassertriebe sind einjährige Triebe, die meist senkrecht in die Höhe wachsen. Entfernt man radikal alle, schiebt der Baum nach.

Sauber und richtig schneiden

Sophia setzt die Astschere an. Ein sauberer Schnitt erfolgt am Astring, also am Astkragen. Dort kann der Baum die Wunde am besten verschließen. Wichtig ist ein glatter Schnitt ohne Stummel, aber auch ohne in den Astring hineinzuschneiden. Ein leicht schräger Winkel hilft, damit Wasser abläuft. Wundverschlussmittel wie Lackbalsam gelten heute als überholt, da sie Pilze eher einschließen als fernhalten.

Der passende Zeitpunkt

Den einen perfekten Zeitpunkt gibt es nicht. Obstbäume lassen sich grundsätzlich zu verschiedenen Jahreszeiten schneiden. Ein Winterschnitt regt das Wachstum an, der Sommerschnitt bremst es und fördert oft eine bessere Wundheilung, weil der Baum „im Saft“ steht. Sobald der Austrieb stark einsetzt oder die Blüte beginnt, schneidet Berk nicht mehr.

Es gibt zudem naturschutzrechtliche Vorgaben: Zwischen 1. März und 30. September sind radikale Rückschnitte außerhalb gärtnerisch genutzter Flächen verboten. Schonende Pflege- und Formschnitte können erlaubt sein. Unabhängig vom Datum gilt: Rücksicht auf brütende Tiere ist Pflicht.

Zu dritt geht es an den Baumschnitt. Pomologe Timo Berk gibt von unten den Auszubildenen Anleitungen

Timo Berk ist Pomologe und verfügt über einen immensen Wissensschatz.