Karin Rühl (weißes T-Shirt) und ihre Begleiterinnen und Begleiter vor der Geschäftsstelle der Landesgartenschau in Bad Salzhausen.

Glück am Gackerstein

Karin Rühl ist Extremwanderin. Am Samstag, 30. August, macht sie sich um 9 Uhr zu einem besonderen Abenteuer auf: Sie wird die 162 Kilometer des OberhessenSteigs in maximal 40 Stunden erwandern. Bevor sie aufbricht, nimmt sie sich Zeit für ein paar Fragen. Die drängendste lautet: Warum macht sie das eigentlich? Ihre Antwort klingt plausibel.

 

Frau Rühl, was verbinden Sie mit Oberhessen?
Ich lebe in Grünberg, Oberhessen liegt in meiner Nachbarschaft. Hier ist meine Heimat und ich finde sie superschön. Ich bin viel unterwegs. Wenn ich heimkehre, wird mir immer wieder bewusst, wie abwechslungsreich unsere Gegend ist. Wir haben Hügel, schöne Mischwälder, Wiesen, geologische Besonderheiten und historische Stätten. Anders als im Norden, wo alles flach ist und ab und zu mal ein Hof kommt. Zudem sind die Oberhessen freundlich und aufgeschlossen. Wir haben viele kleine, saubere Dörfer, in denen immer was los ist. Das begeistert mich.

Der OberhessenSteig verbindet die elf Kommunen, die an der Landesgartenschau teilnehmen. Der Wanderweg führt durch sehr unterschiedliche Landschaften. Wie verändert sich Ihre Wahrnehmung der Natur mit jeder weiteren Stunde auf den Beinen?
Es ist egal, wie viele Kilometer ich bereits gelaufen bin, die Eindrücke bleiben klar, nichts verschwimmt. Ich nehme die Natur bewusst bis zum letzten Kilometer wahr. Einen kompletten Erschöpfungszustand habe ich bisher auch noch nicht erlebt.

Sie haben viel gesehen. Was wird am OberhessenSteig besonders sein?
Ich habe all meinen Wanderfreunden geraten, einmal einen Sonnenaufgang am Gackerstein zu erleben. Ich war schon mehrmals morgens dort und auch an Silvester. Das ist ein einzigartiges Erlebnis und ich freue mich richtig darauf. Sonntag um 5:30 Uhr planen wir, am Gipfelkreuz zu sein. Bei gutem Wetter hat man eine atemberaubende Aussicht bis zur Frankfurter Skyline. Es ist ein erhebendes Gefühl, dort im Morgengrauen zu sitzen und auf einem Vulkan zu wandern. Sind wir am Gackerstein, ist ein großer Teil der Strecke geschafft.

Einzelne Etappen der Gesamtstrecke kenne ich bereits, bin beispielsweise schon alle Büdinger Stadtteile abgelaufen. Es war unglaublich vielfältig und es gibt auf der Gesamtstrecke viele sehenswerte Städtchen und Hotspots, die man gesehen haben muss. Dazu bietet auch die Landesgartenschau Gelegenheit. Der OberhessenSteig ist dazu noch familienfreundlich und auch -tauglich.

162 Kilometer nonstop zu wandern, bedeutet, an die Grenzen zu gehen. Was reizt Sie persönlich daran?
Für mich ist weniger wichtig, meine Grenzen zu erfahren oder zu schauen, wie mein Körper reagiert – ob ich in einen Sekundenschlaf gerate oder womöglich halluziniere. Der Reiz liegt für mich darin, möglichst lange, viel Schönes zu sehen. Und das verspricht der OberhessenSteig. Wenn ich kurze Strecken laufe, ist die Zeitspanne für diesen Genuss natürlich kürzer.
Ich wandere immer so, dass es mir gut geht. Klar ist aber auch, dass man nicht wegen jedes Wehwehchens abbricht. Es kann immer sein, dass mal etwas scheuert, man Blasen an den Füßen bekommt oder das Knie schmerzt.

Es gibt bestimmt auch Momente, in denen die Stimmung sinkt. Wie gehen Sie damit um?
Sicherlich gibt es Punkte, an denen man sich vorstellt, dass man jetzt auch mit einer Tasse Tee und einem guten Buch auf dem Sofa liegen könnte. Oft entdecke ich dann am Wegesrand etwas Schönes: Das kann eine Blume im Morgentau sein oder etwas anderes. Wenn ich mich darüber freue, geht es gleich wieder besser.

Sie starten am Samstagfrüh und wandern die Nacht durch. Wie empfinden Sie die Dunkelheit?
Ich laufe gerne nachts, komme gut zur Ruhe. Beim Laufen in der Dunkelheit gerate ich fast in einen tranceähnlichen Zustand. Ich höre meinen Atem oder sehe ihn im Schein meiner Lampe. Im Dunkeln sind die Geräusche intensiver. Man hört jedes Rascheln im Wald oder wie der Wind durchs Feld bläst. Manchmal blitzen ein paar Augen eines Rehs oder Waschbären auf. Ich habe keine Angst. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass da plötzlich ein Mensch steht.

Was wird am Wochenende in Ihrem Rucksack stecken?
Ich werde eine Stirnlampe mitnehmen. Dazu ein bisschen Traubenzucker und Magnesium, falls ich Muskelkrämpfe bekommen sollte. Vermutlich werde ich auch Regenklamotten, eine Mütze und Handschuhe einstecken. Vor Kurzem war ich in der Eifel wandern, da wurden es nachts unangenehme sechs Grad. Proviant benötige ich nicht. Dafür sorgen Peter Dubowy und sein VHC-Team bestens, worüber ich mich sehr freue und dankbar bin.

Sie sammeln Spenden für die Deutsche Krebshilfe, insbesondere für die Kinder. Wie geht das vonstatten?
Meine Spendenbüchse mit dem Luftballon ist immer dabei. Wenn ich weite Strecken laufen, mache ich das nicht nur, weil ich Spaß daran habe, sondern weil mir die Deutsche Krebshilfe sehr wichtig ist. Jeder kennt jemanden, der an Krebs erkrankt ist, oder ist sogar selbst betroffen. Bis heute konnte ich schon circa 2800 Euro sammeln.

Extremwandern ist zum Trend geworden. Was benötigt ein Neueinsteiger für eine Langstrecke?
Auf jeden Fall gute Laune und Durchhaltevermögen. Dazu gutes Schuhwerk, gerne auch eine Nummer größer, da die Füße anschwellen. Ansonsten reichen Jeans, eine wettergerechte Jacke und genügend zu trinken.

Interessierte können Sie auf den zehn Etappen begleiten. Was können sie von so einer Extremwanderung mitnehmen?
Man lernt viele Menschen kennen, hört deren Lebensgeschichten. Ich lerne beim Wandern auch über mich selbst. Zum Beispiel, was mir etwas bedeutet. Mit jedem Schritt sammele ich unverwechselbare Eindrücke der Landschaft. Das geht nicht vom Auto aus. Die Wanderer sagen: Nur wo man zu Fuß war, war man wirklich. Das kann ich nur bestätigen. Ich bin vor Kurzem drei Tage und Nächte gewandert. Ich war klitschnass und müde. Da habe ich mich einen Moment gefragt, warum ich das überhaupt mache.  Aber ich habe ein Ziel vor Augen. Ich will die erste sein, die den OberhessenSteig in einem gelaufen ist. Die Idee pusht mich. Da werde ich keinen Gedanken ans Aufgeben verschwenden.

Info:
Die Extremwanderin und der OberhessenSteig
Karin Rühl ist in Laubach geboren. Die gelernte Kauffrau der Bürokommunikation hat 2021 mit Extremwanderungen angefangen. Heute wandert die 53-Jährige circa 4500 Kilometer im Jahr.
Der OberhessenSteig wird im Rahmen der interkommunalen Landesgartenschau Oberhessen 2027 neu ausgelegt und verbindet alle teilnehmenden Kommunen. Der Wanderweg macht die Orte der Landesgartenschau 2027 für Besucher erlebbar und verbindet die Region auf attraktive Weise. Für die Bürger entsteht ein neuer Wanderweg mit klarer Beschilderung. Die Länge von 162 Kilometern wird in zehn Teiletappen geplant. Start der Extremwanderung ist am Samstag, 30. August, um 9 Uhr am Kulturbahnhof in Stockheim (Treffpunkt um 8:30 Uhr). Nach maximal 40 Stunden wird auch hier der Zieleinlauf gefeiert. Zwischenstationen sind in Rommelhausen, Büdingen, Schönhausen, Hoherodskopf, Gackerstein, Schotten, Eichelsdorf, Bad Salzhausen, Echzell, Dauernheim und Stockheim.
Weitere Informationen: Karin Rühl: 0157/72190183; Peter Dubowy: 0176/76646488

Spenden für die Deutsche Krebshilfe sind unter folgendem Link möglich:  https://www.krebshilfe.de/spenden-aktiv-werden/aktiv-werden/online-spendenaktion-starten/spendenaktion/kinder-sind-unsere-zukunft/