Das Fachwerk liegt frei, weder Stein, Lehm noch Kalk steckt mehr zwischen den Gefachen. Die Fensterbögen sind ohne Glas, die Eingänge ohne Türen. Das ehrwürdige Ensemble der Trinkkuranlage hinter dem Bauzaun wirkt, als ob es heute mal ein luftiges Sommerkleid trägt. Dabei erhält es ein komplett neues Gewand.

In der Wandelhalle wird gearbeitet. Zwei Handwerker klemmen mit Eisensprießen Spanplatten gegen die Decke, um sie abzustützen. Sie gehen behutsam vor, der Stuck muss unversehrt bleiben. Denn das Gebäude steckt voller Historie und wird sorgsam grundsaniert.

Mit dem Gradierwerk bildet es das Herzstück des Unteren Kurparks von Bad Salzhausen. Beide erinnern an die Salzsiedezeit. Der Kernbau der Trinkkuranlage stammt um etwa 18. Jahrhundert.

Noch vor dem endgültigen Ende der Salzsiedezeit wurde die Einrichtung eines Badebetriebes beantragt, um 1830 das kleine, schmucke Gebäude zur Wandelhalle und zum Konzertsaal umgebaut. Im Sommer erklingt Musik von der Außenbühne, immer wieder finden Lesungen statt. Brautpaare lieben die charmante und von Leichtigkeit geprägte Kulisse. Dieser Platz bezaubert. Es ist eine logische Schlussfolgerung, dieses Ensemble für die Blumenhalle der Landesgartenschau Oberhessen 2027 zu nutzen.

Ulrike Hansen-Röper steht vor dem Gebäude. Sie hat die gärtnerische Leitung der Landesgartenschau inne. Interessiert beobachtet die Diplom-Ingenieurin die Arbeiten. Selbst in dieser Phase des Umbruchs haftet dem Gebäude etwas Besonderes an. Sie stellt sich vor, wie Frauen in Jugendstilgarderobe in breiten Röcken, eleganten Blusen, leichten Schrittes den Wandelgang entlang flanieren. „Sogar so eine Szene würde hierher passen“. Sebastian Latta und Stefanie Krönke treffen auf der Baustelle ein. Latta, Projektleiter der Stadt Nidda, und Krönke, freiberufliche Projektsteuerin im Auftrag der Stadt Nidda, steuern im Unteren Kurpark die zahlreichen Bauvorhaben für die Stadt.

Klar ist: Der 52 Hektar große Kurpark wird zur Landesgartenschau aufblühen, historische Gebäude werden endlich saniert, Flächen aufgewertet. Rechtzeitig hatte die Stadt Nidda dafür gesorgt, dass diese Fläche in ein Förderprogramm aufgenommen wurde. Die anstehende Schau wirkte wie ein Motor. Und so kommt es, dass Vorhaben und Wünsche, deren Umsetzung früher an den Finanzen gescheitert waren, nun umgesetzt werden können. „Jetzt ist die Chance, das zu realisieren“, sagt Stefanie Krönke. Spaziergänger, Familien, Kurgäste oder einfach nur Erholungssuchende auf der Suche nach einer kleinen Auszeit werden sich über diese Aufwertung freuen.

Latta lässt seinen prüfenden Blick über die Baustelle schweifen. Er unterhält sich kurz mit den Handwerkern. Je nach Epoche wurde hier immer mal wieder saniert und angebaut. Auch aus diesem Grund ist die Freilegung eines historischen Gebäudes sehr oft mit Überraschungen verbunden. Ein Beispiel sind die Schwellen auf dem Fundament, die feucht geworden sind. Die Arbeiten werden eng mit dem Denkmalschutz abgestimmt. Auch die Fenster, das Dach und die Verschalung des Wasserturmes werden erneuert. „Die Handwerkskunst, die in dem Turm steckt, ist beeindruckend und vermittelt eine ganz eigene Atmosphäre“, erzählt Latta. Die Holzkonstruktion erinnere ein wenig an ein geripptes Glas. Auch in der Werkstatt werden die mit Metall eingerahmten Fenster und das Dach saniert und mit neuen Biberschwänzen eingedeckt.

165 Tage dauert die Gartenschau, zwölf wechselnde Blumenschauen können die Gäste in der schmucken Trinkkuranlage über die gesamte Zeit erleben. Es ist kein großes Zelt, keine Halle, es sind keine großen Bauten, die später wieder verschwinden müssen.

Der Gang durch das historische Gebäudeensemble bietet drei verschiedene Kulissen für Kränze, Gestecke und Blumenkombinationen. Start ist in der lichtdurchfluteten Trinkkuranlage. Von hier aus führt der Weg durch den sonst verschlossenen vieleckigen Wasserturm. Ulrike Hansen-Röper und Stefanie Krönke werfen einen Blick in den Wasserturm. Hier wurde einst die Hauptsolequelle gefasst.

Das hochgepumpte Wasser des Salzbrunnens Nr. 2 versorgte die Gradierbauten 2, 4 und 5. Die oberen Stockwerke des Turms sind nur über eine Leiter zu erreichen. In der angrenzenden Werkstatt gibt es einen weiteren Szenenwechsel. Hier blies einst der Rauch durch die Feueresse, klirrte das Metall auf dem Amboss. Die gusseisernen Zangen an der Wand erzählen davon. Innerhalb dieser Wände ging es handfest zu, die ursprüngliche Umgebung versprüht eine raue, kühle Ästhetik. Sie bietet Raum für eine kontrastreiche Inszenierung der Blumenarrangements und Emotionen. „Diese historische Kulisse ist für uns ein Glücksfall“, sagt Ulrike Hansen-Röper. Im vierten Abschnitt der Blumenschau schreitet der Gast wieder in die Moderne. Damit wird heute schon klar: Diese Blumenschau wird keine gewöhnliche.