Seit über 40 Jahren ist der Radweglückenschluss zwischen Ranstadt und Selters im Gespräch – jetzt wird er endlich Realität und die Arbeiten sind in vollem Gange. Bürgermeisterin Cäcilia Reichert-Dietzel erklärt, warum sich das Projekt so lange hingezogen hat, welche Rolle die Landesgartenschau spielt und was der neue Abschnitt für ihre Gemeinde bedeutet.
Frau Reichert-Dietzel, seit etwa 40 Jahren wird der Lückenschluss für Radfahrer zwischen Ranstadt und Ortenberg gefordert. Wann kamen Sie zum ersten Mal damit in Berührung?
1991, als ich in die Gemeindevertretung gewählt wurde, war dies schon Thema. Auch im Kreistag und in meinen 15 Jahren als Bürgermeisterin war und ist der Radweg ständig präsent. Es gab regelmäßig Gespräche mit Hessen Mobil, Abgeordneten, Landrat, Bürgerinitiativen – wir haben unzählige Briefe geschrieben und Telefonate geführt.
Die Landesgartenschau hat das Projekt offenbar beschleunigt . . .
Ja, die Landesgartenschau bringt viele Beteiligte an einen Tisch, um Projekte zu bündeln und umzusetzen. Das betrifft nicht nur den Radweg, sondern auch etliche andere Vorhaben in Ranstadt – vom Freizeitplatz bis zur Apfelroute. Wir nutzen diese Chance, um zu zeigen, wie lebenswert unsere Region ist.

Seit mehr als 40 Jahren wird an der Radwegeverbindung zwischen Ranstadt und Konradsdorf geplant. Mit Wohlwollen verfolgt Ranstadts Bürgermeisterin Cäcilia Reichert-Dietzel die aktuellen Bauarbeiten. Der Lückenschluss soll bis zur Landesgartenschau fertig sein. Foto: LGS/Lenz
Warum stockte die Umsetzung der Radwegeverbindung so lange?
Das lag an vielen Faktoren: Die Zuständigkeiten bei Hessen Mobil wechselten, Prioritäten wurden verschoben. Auch die Eigentumsverhältnisse der Flächen entlang der Bundesstraße erschwerten eine schnellere Lösung. Unser damaliger Landrat Rolf Gnadl hatte früh erkannt, dass der Radverkehr Teil moderner Mobilität werden muss und einen ersten Radwegeplan erstellt. Der Vulkanradweg war damals gerade erst im Aufbau, E-Bikes gab es noch nicht, das Thema Alltagstauglichkeit spielte damals eine geringere Rolle. Heute umso mehr.
Was hat sich seitdem verändert?
An der Gesamtschule Konradsdorf hatte Gerhard Salz, langjähriger Lehrer, vor über zehn Jahren eine Rad-AG gegründet. Eine Interessengemeinschaft mit Salz und Sigi Knau aus Ober-Mockstadt sowie Rainer Wagner aus Glauburg an der Spitze hat das Thema immer wieder auf die Tagesordnung gebracht. Diese Hartnäckigkeit hat mehr bewegt als viele offizielle Schreiben. Das zeigt: Wenn Bürger dranbleiben, bewegt sich was. Leider zählt der jahrelange Einsatz der Gemeindeverwaltung weniger. Hauptsache, es geht voran.
Heute spielt die Nachhaltigkeit in der Gesellschaft eine größere Bedeutung. Menschen wollen gesund leben und mobil sein. Auch das Bewusstsein für Regionalität ist gewachsen. In Oberhessen haben wir ideale Bedingungen fürs Radfahren – doch wir müssen den Bürgern die Infrastruktur bieten.

Was bedeutet der neue Radweg für Ranstadt konkret?
Er schafft sichere Verbindungen – vor allem für Schüler, die nach Konradsdorf wollen. Viele Ranstädter fahren auch nach Ortenberg ins Freibad. Der bisherige Weg über Bellmuth nach Konradsdorf ist ziemlich holprig, da braucht man schon ein gutes Mountainbike. Auch ist der Weg abgelegen, das heißt ohne Sozialkontrolle. Eine Route entlang der Bundesstraße 275 ist sicherer. Außerdem verbindet der Radweg unsere Ortsteile besser mit der Region und dem Vulkanradweg. Das ist ein Gewinn im Alltag, für die Freizeit und den Tourismus. Wir bieten hier Urlaub vor der Haustür.
Wird der Weg von Schülern wirklich genutzt werden?
Davon bin ich überzeugt. Viele Schülerinnen und Schüler fahren schon jetzt mit dem Rad, im Übrigen auch nach Nidda. Und mit dem Lückenschluss wird das noch attraktiver.
Welche Projekte laufen in Ranstadt im Zuge der Landesgartenschau?
Es sind 56 große und kleine Projekte. Zum Beispiel der neue Freizeitplatz an der Rollsportanlage, gefördert mit 96.000 Euro aus dem Leader-Programm. Oder die Apfelroute mit fünf Stationen rund um den heimischen Obstbau. In jedem Ortsteil passiert etwas: ein Mehrgenerationenpark, neue Begegnungsflächen, auch Friedhöfe werden zu grünen Oasen umgestaltet. Es sind in allen fünf Ortsteilen Himmelsliegen vorgesehen. Der Auenlandhof in Dauernheim setzt einen Felsenkeller in Szene und vieles mehr. Auch das alte Wasserhaus in Dauernheim an der Niddaroute erstrahlt als Aussichtpunkt in einem neuen Look. Es gibt drei Steuerungsgruppen, die sich um Inhalte, Projekte und Veranstaltungen kümmern.
Wie weit sind die Projekte?
In den Ortsteilen sind wir schon ziemlich weit. Ich muss ehrlich sagen, dass mich die Ereignisse in Echzell und Büdingen im vergangenen Jahr ziemlich heruntergezogen hatten. Deshalb habe ich irgendwann gesagt: Leute, wir machen hier unser Ding und fertig. Wir haben unsere Nischen, wie zum Beispiel das Laisbachtal, die Dachreiterkunst, die Streuobstwiesen, die Felsenkeller und vieles mehr. Das ist unsere Identität, das trägt uns.
Sie sprechen oft vom „Selbstbewusstsein einer Region“. Was meinen Sie damit?
Oberhessen ist ein großartiges Stück Erde. Doch das müssen wir selbst erkennen. Die Landesgartenschau und die Projekte helfen uns, das Besondere sichtbar zu machen. Wenn wir stolz auf unsere Region sind und unsere Heimat lieben lernen, strahlen wir das auch aus. Das zieht andere an – Menschen, die bleiben oder zurückkehren. Es stärkt auch den Wirtschaftsstandort. Ein gutes Beispiel ist die Stadt Frankfurt, die Tradition und Brauchtum mit Äbbelwoi und Geripptem erfolgreich vermarktet hat. Wir sind zwar nicht das Allgäu, haben aber
großes Potenzial für Naherholung. Es gibt viele junge Leute, die in Gießen oder Frankfurt studieren und dann wiederkommen, weil sie hier etwas Ursprüngliches spüren oder gar Puristisches wie die Apfelernte erleben dürfen. Ich glaube, dass junge Leute einen Anker brauchen. Und wir müssen dafür sorgen, dass sie auch in 20 bis 30 Jahren hier noch gut leben können. Die Landesgartenschau kann einen großen Beitrag dazu leisten.
Was wünschen Sie sich für die nächsten Jahre?
Dass der Radweg endlich fertig wird – und dass er zum Symbol dafür wird, was möglich ist, wenn Bürger, Politik und Verwaltung sowie die ganze Region beharrlich dranbleiben.
Zur Person:
Cäcilia Reichert-Dietzel ist Jahrgang 1972. Sie absolvierte ihr Abitur in Nidda, studierte an der Justus-Liebig-Universität in Gießen Rechtswissenschaften. Sie hat einen Sohn. Seit 2010 ist die Sozialdemokratin Bürgermeisterin der Gemeinde Ranstadt.
Info: Zukunftspotenzial Rad
- Laut der von dem Bundesministerium für Digitales und Verkehr geförderte Fahrrad-Monitor 2023 fahren rund vier von zehn Menschen regelmäßig Fahrrad oder Pedelec, zugleich möchte fast die Hälfte künftig häufiger aufs Rad steigen. Die Sicherheit bleibt ein zentrales Hindernis. Viele fühlen sich im Straßenverkehr unsicher, vor allem wegen rücksichtsloser Autofahrender, hohem Verkehrsaufkommen und überhöhten Geschwindigkeiten. Am sichersten empfinden die Befragten baulich getrennte Radwege und geschützte Radfahrstreifen, während Radfahren im Mischverkehr fast durchgehend als riskant gilt.
Im Wetteraukreis gibt es 1000 Kilometer gut ausgebaute und beschilderte Radwege. Hinzu kommen zahlreiche Freizeittouren. In Oberhessen sind der Vulkanradweg und der Niddaradweg R4 populär. Der Seemenbachtal-Radweg soll ebenfalls zur Landesgartenschau 2027 ausgebaut werden. Eine Übersicht der Radrouten finden Interessierte unter der Seite der Tourismusregion Wetterau.
